August 25, 2021

SÜDSICHT-NORDLICHT, MITTENDRIN

SÜDSICHT-NORDLICHT, MITTENDRIN

Wie kommt eigentlich ein abgereister Vorarlberger dazu, sich dermaßen einmischen zu wollen? Sich dermaßen anmaßt sich in Vorarlberg einmischen zu dürfen?!

Ich erinnere mich deutlich: als ich vor fast 40 Jahren nach Cadaques an die Costa Brava zog, sagte ich mir, das Beste was ich für meine Heimat tun kann, ist fortzugehen. Das war nicht sarkastisch gemeint. Auch nicht, dass ich nach Cadaques zog, weil mich Vorarlberg so abgestoßen hätte, nein, es zog mich einfach Spanien so an.
Aber dieser Gedanke, so verstehe ich es heute, war einer gewissen - eigentlich typisch vorarlbergischen - Export-Import-Idee geschuldet. Ich exportiere mich und importiere dich. Heimat kommt von Heim und heim gehen wir dort, wo unser Schlüssel ins Loch passt. Das Gefühl ich wäre meinem Geburtsort oder meinem Geburtsland mehr verbunden, als dem Rest der Welt, hatte ich nie. Ich halte es für eine schlechte Idee. Was soll Freiheit denn noch bedeuten, wenn sie an einer ideologisch gezogenen Grenze ihre Definition schleift? Ich mag Vorarlberg sehr! Ich finde es je länger, je spannender! Aber ich liebe auch den Süden Europas.. na jedenfalls importiere ich den Süden in den Norden, und weiß ich heute schon, dass ich dann wieder Norden mit in den Süden nehmen werde. Inschallah! So geht das immer schon, für mich ist das sogar die Kunst - das eine zum anderen zu bringen, das eine ins andere zu mischen. So verstehe ich mich als Künstler auch einfach als Ein-Mann-Zusammenarbeiter. Oder, wie ich seit einigen Jahren auch gerne sage, als Partist.

Und als solcher kam ich im März in Bregenz an, und zentral im Gepäck diese Frage:
Was meinst du, der du hier im Vorarlberg lebst, die Lagen und die Launen gut kennst, wie sollte ich mich in Vorarlberg einmischen, wie könnte ich mich hier nachhaltig einmischen? Was willst du mir spontan antworten?

Vom Comeback-Stipendium hörte ich das erste Mal von Elisabeth Dobler - damals noch die gute Fee im Vorarlberger Kulturamt - in der Villa Wacker in Bregenz. Dieses Amt hatte zu unserer großen Freude die alternative Stadtkarte, die ich für Lecce in Süditalien und für meine afrikanischen Freunde im Straßenverkauf entwickelt hatte, mitfinanziert. Jetzt war ich in die Wackervilla gekommen, um das Ergebnis vorzustellen, und um auf Winfried Nussbaummüllers (Leiter der Abteilung Kultur beim Land Vorarlberg) Anregung zurückzukommen, ein solches Projekt doch auch für das Land zu erwägen.
Elisabeth notierte Come-Back-Stipendium auf ein Stück Papier, schob es mir zu und sagte: „Schau dir die Möglichkeiten dieses Calls an. Vielleicht willst du darauf antworten, und vielleicht bekommst du es ja, und kannst damit ein entsprechendes Projekt auf die Wege bringen.“ Gute Idee!

Und so kam der Süden in den Norden und deshalb begannen die Mischverhältnisse, die uns hierher in den KREISSAAL führten.
Oh ja, der Süden ist anders als der Norden! Meteorologisch, kulturell, sozial, politisch, überhaupt. In manchem ärmer, in anderem reicher, in manchem flacher, in anderem tiefer. Von einem aber dachte ich immer, dass sich der Norden ein schönes Stück abschauen sollte: von der Kultur einer spontanen Solidarität im Alltag. Ich spreche vom salentinischen Süden Italiens, staune ich doch jeden Tag über die Kraft und Schönheit von Respekt (im Sinne einer natürlich anerkennenden Haltung dem Anderen gegenüber). Aber weil uns die wenigen soziopathischen Schafe medial immer als Protagonisten verhökert werden, bleiben wir oft in Klischees gefangen. Und werden die meisten von uns den tiefen Süden Italiens wohl mit etwas anderem, als mit „Respekt“ assoziieren.
Doch von genau daher rührte meine Frage, denn ich sah, dass ich mein Wissen über Vorarlberg im Grunde genommen auch nur Oberflächlichkeiten oder Klischees verdanke. Ich musste mich schlau machen, und was gibt es dafür Besseres, als mit denen zu sprechen, die hier zuhause sind.

Dass wir bei der Frage landeten, ob wir viel schönes Geld brauchen und wollen, erstaunt mich vielleicht am meisten von allen meinen Gesprächspartnern. Ich fühlte mich auf einer anderen Fährte und witterte zuerst ein ganz anderes Ziel. Zugleich bin ich aber froh und macht es mir große Lust der Frage auf den Grund zu gehen, zeigt es mir doch abermals, dass eine gute Idee/eine gute Frage immer die Frucht eines Austauschs ist - ein Baby! Ergebnis einer Interaktion, eines Dialogs, einer Reibung, einer Vermischung.

Aber der Süden-Import war noch einem anderen „Aspekt der Solidarität“ zu verdanken, nämlich der sehr italienischen Kultur des Mäzenatentums. So sind in Italien zum Beispiel alle großen Modehäuser - Gucci, Prada, Benetton, Dolce & Gabana - und wie sie alle heißen, durch die Bank große Kultursponsoren. Wir sprechen von hunderten Millionen von Euro, die diese internationalen Topverdiener jährlich in den italienischen Alltag schütten. Woher, wohin und weshalb genau, sei jetzt und hier dahingestellt, aber auffallend bei vielen Gesprächen war, dass wir wieder und wieder bei der Einsicht vorbei kamen, dass es das hier in Vorarlberg, oder überhaupt in Österreich, so nicht gibt. Das viele Geld schon, aber als „Privatgeld“ in der Kultur nicht.

Für mich ist der KREISSAAL oder diese Frage nach einem ETHOSETAT eine sehr politische Frage. Aber Obacht! Ich meine damit keine ideologische Links-Rechts-Frage (also eine, die die Antwort schon mitliefert), sondern eine Frage, die ich genauso von der Kultur, der Kunst oder dem Sozialen her stellen könnte: eine Frage nach Lebensqualität, der Qualität des gemeinsamen Lebensraums und der Beziehungen, die er ermöglicht und fördert. Das war, wie ich es verstand, das Feuer, um das alle diese Gespräche tanzten. Wir alle wissen, dass unsere Lebensqualität und unser Anspruch sie zu halten oder zu verbessern, von innen und von allen Seiten bedroht ist. Wir alle machten jahrzehntelang konsequent immer dieselben Fehler, die Welt steht in Flammen oder ertrinkt, es wehen eiskalte illiberale Winde, wird populistisch gedröhnt, und weiterhin, seitens der stetig ins kosmonautische wachsenden Superreichsten der erbarmungslosen Brutalität der sogenannten freien Märkte vertraut. Und, und, und.

Aber der KREISSAAL klagt nicht an und klagt nicht ein, er will sich einfach nur ernsthaft fragen, was wir aus unserer Mitte heraus „erfinden“ und in unser Zusammenleben „einbauen“ könnten, das diesen Tendenzen den Rücken kehrt, und sich anstatt dessen auf Werte und Projekte konzentriert, die sich nicht vom „Mehrwert“, sondern von unserem gemeinsamen Leben und Ethos her aufgleisen.
Oh ja, das ist naiv, sehr naiv sogar. Aber waren das die guten Ideen in ihrer Quelle nicht immer? Wie oft wurde mir schon gesagt, das könne nicht und das würde nicht funktionieren, nur deshalb, weil der Vergleich fehlte mittels dem man ihm eine theoretische Chance hätte geben können. Gewiss ist es auch ein Spiel, und ist unser Zugang zu dieser Frage auch spielerisch, aber gemeint ist es ernst, so ernst wie es auch unsere Lage ist. Spielen! Wie Kinder! Die verplempern auch nicht die Zeit, sondern lernen! Und wie! Und klar, scheitern dürfen wir natürlich auch!

Für mich ist die Antwort auf unsere zentrale Frage nach einem ETHOSETAT eigentlich eh schon klar - klar brauchen und wollen wir den! Für mich geht es nur mehr darum, alles noch einmal durchzugehen, durchzusprechen, um zu sehen, ob wir hier und da vielleicht noch bessere Ideen zur Abwicklung der Realisation des Projektes finden. Aber um mich geht es nicht, noch habe ich das erste, geschweige denn das letzte Wort. Es kann auch sein, dass uns unsere Gespräche und Entwürfe zu einer noch besseren Frage führen, und wir uns dann mit einer Herausforderung konfrontiert sehen, die jetzt noch gar niemand ahnt. Alles offen.

Außer einem (also, für mich, aber darüber sprechen wir sicher auch): Ich, der Partist, denke nicht, dass das Geld, das möglicherweise eines Tages fließen wird, nur in die modernen und traditionellen Kunstkanäle geleitet sein sollte - sondern in sämtliche Felder, die in Summe unseren Alltag beschreiben - also alle Felder, die ohne Kreativität, das heißt, ohne der Möglichkeit auf neue Fragen unkonventionelle Antworten zu geben, nicht vom Fleck kommen.
Ja genau, das kann auf wirklich gar alle Felder bezogen werden, sogar (um irgendein Beispiel zu nennen, das jetzt wahrscheinlich niemand spontan in den Sinn kommt) dem Feld der Exekutive. Warum nicht? Warum sollte(n) sich nicht auch die Polizei, oder Polizist:innen vom Etat eingeladen fühlen, ein Projekt vorzuschlagen: Immer frisches Obst im Wartezimmer des Präsidiums! Lebensqualität - die Qualität der Bedingungen des täglichen (Zusammen)Lebens.

Ja, ich mag den Kunstbegriff am liebsten, der Kreativität par excellance als das definiert, das uns als Post-Affen ausmacht: die Möglichkeit uns etwas vorzustellen und dazu Ja oder Nein zu sagen. Im Grunde ist jede menschliche Entscheidung - und wir treffen jeden Tag Tausende davon - ein kreativer Akt. Deshalb ist für mich jeder Mensch ein:e Künstler:in, und deshalb sind die größten Künstler:innen auch die Kinder - einfach, weil sie alles am spontansten, also am authentischsten und unkonventionellsten anstellen. Somit erübrigt sich auch die Frage, ob das, was hier vorgeschlagen und über die Bühne gehen soll, Kunst ist oder nicht. Natürlich ist es das! Es gibt gar nichts anderes.

..alle Bilder in diesem Post aus www.ildailyjetzt.com aus der Come-Back-Zeit.